CHRIS DREIER

Industrial Solutions #1, DOEL

Ausstellungsdauer: 29.01. – 23.02.2013


Pressetext:

Nördlich von Antwerpen befindet sich der letzte verbliebene Ort, der bisher nicht dem Bau gigantischer Hafenanlagen weichen musste. Direkt neben einem pannenanfälligen Atomkraftwerk reihen sich die einstöckigen Häuser von Doel entlang des Scheldeufers nahe der Grenze zu Holland. Laut belgischem Regierungsbeschluss Ende der 90er Jahre müsste der 700 Jahre alte Ort bis zum Jahr 2009 bereits verschwunden sein, um den in Konkurrenz zu Rotterdam stehenden Containerhafen von Antwerpen zu erweitern. Obwohl bereits gebaute Terminals nicht ausgelastet sind, hält die Regierung beharrlich an der Auflösung des Ortes fest. Dank langjähriger Zermürbungstaktik befinden sich mit Ausnahme von 10 Häusern alle 400 Gebäude im Besitz einer halbstaatlichen Immobiliengesellschaft. Die letzten 21 Bewohner halten in ihren Backsteinhäusern eisern die Stellung, und verteidigen in langwierigen Gerichtsprozessen ihren Besitz. Doel ist ein trauriges Geisterdorf, denn es erweckt den täuschenden Eindruck, dass die Bewohner gerade erst ausgezogen wären. Die Bausubstanz ist jedoch durch den langen Leerstand und Plünderungen extrem in Mitleidenschaft gezogen worden.

DOEL stellt den Schwerpunkt der Einzelausstellung "Industrial Solutions #1" von Chris Dreier dar.
Chris Dreier verfolgt in ihrer Lochkamerafotoarbeit schon länger die Themen Zerfall, Verschwinden und Verlust in Folge von Wandel, Krisen und Kriegen.
Im ausgehenden Industriezeitalter gibt es in Europa großflächige Gebiete, die von stillgelegter Schwerindustrie geprägt werden, wie z.B. in Belgien, in Ostdeutschland und in Nordengland. Das Kapital, das diese Landschaften einst erzeugt hat, ist längst weiter gezogen in Länder mit niedrigeren Löhnen und hinterließ Brachland mit Industrieruinen und aussterbenden Ortschaften. Nach ihren Fotoserien „Souvenir de Verdun“, „The Grim North“ begann Chris Dreier mit „Randlandschaften“ ihr Augenmerk verstärkt auf Industrielandschaften zu richten, mit ihren verbliebenen gigantischen Kraftwerken, die sich mit majestätischer Schönheit präsentieren.
Bei den Kriegslandschaften korreliert schon mal das Sichtbare – die scheinbare Idylle – mit dem Unsichtbaren – den ehemaligen Schlachtfeldern. In Doel erscheinen die verlassenen Häuser noch gut erhalten - manche sind sogar neu gestrichen - aber der Ort ist dennoch verloren, obwohl der neue Hafenterminal wahrscheinlich nie gebaut werden wird.


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CHRIS DREIER

Industrial Solutions #1, DOEL

Duration: 29.01. – 23.02.2013


Press release

North of the Belgian City of Antwerp, surrounded by giant port facilities, there is a small village called Doel - the last remaining one not given way for container terminals. Right next to a huge accident-prone nuclear power station rows of one-storied houses sit behind the dyke of the river Scheldt near the Dutch border. According to a government decision made in 1997 the 700-year old village should have been completely demolished by 2009. Due to competition with Rotterdam the port of Antwerp is in the process of expansion. Despite the newly built terminals not working to capacity the government is still determined to liquidate the village. Apart from 10 houses all 400 buildings belong to a semi-governmental estate company – thanks to years of attrition policy. The last 21 remaining residents hold the fort and defend their small brick houses in long court battles.
Doel is a sad ghost village, one has the impression that its inhabitants have only recently moved out, but the housing stock has already been severely damaged due to years of abandonment and depredation.

Chris Dreier’s new solo show “Industrial Solutions” puts Doel in the center. Her photographic work (exclusively pinhole camera images) revolves around the subjects of decay, loss and abandonment as a result of change, crisis and war. Europe in the late industrial era features a number of large-scale areas characterized by defunct heavy industry, for example in Belgium, in East Germany and in Northern England. The capital, which created these complexes, has long moved on to countries with lower wage standards and left behind vast wastelands dotted with ruins and dying villages. Following her series “Souvenir de Verdun” and “The Grim North” she began in “Randlandschaften” to focus on the remaining giant power stations, which present themselves with majestic beauty.
In her war landscapes series the visible – the apparent idyll – and the invisible – the former battlefields – sometimes correlate. Doel’s abandoned houses still look fairly well preserved – some have been repainted, nevertheless the place is lost, although the new terminal might never be built.